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Wednesday, 23. July 2008

Nicht der Madonna-Fan ist pervers, sondern Schwule, die es nicht sind.
Ein Geburtstagsständchen von hennesy.cc zum Fünfzigsten der Queen of Pop.


Ich war mit dem Mann unterwegs, den man den Josh Hartnett meines Lebens nennen könnte: jung, hübsch und definitiv nicht gesund für mich. Wir waren mit dem Auto auf dem Weg in eine Großraumdisco in Kärnten. Wir hörten den topaktuellesten Dancefloor-Sampler und und fühlten uns relativ unsterblich.

Im Restaurant vor der Disse tranken wir zur Abkühlung ein Bier und naschten von der hausgemachten Ofenpizza. Im Fernsehen lief „Wetten, dass…?“. Es war Herbst 1994, Madonna musste also ihr lahmes Album „Bedtime Stories“ promoten. Nachdem sie „Secret“ gesungen hatte, näherte sie sich dem Sofa, auf dem Thomas Gottschalk seit Jahrzehnten seine Gäste anfasst. Hier wartete bereits Modedesigner Wolfgang Joop. „Madonna! After all these years!“ rief er, die Arme zur Begrüßung weit gespreizt. Bald kniete er auf dem Boden uns skribbelte an einem Madonna-Porträt. Wenn man ihrem damaligen Gesichtsausdruck glauben schenken darf – kannte sie diesen Mann? –, war dies ein Moment in ihrem Leben, der ihr definitiv zu schwul war.

Davon kann es nicht allzu viele gegeben haben. Das Verhältnis von Madonna zu dem Teil der Weltbevölkerung, den man in Amerika GLBTC (Gay, Lesbian, Bisexual, Transgender, Curious) nennt, war immer sehr innig. Zwar verbirgt sich hinter dieser Liebe, es geht hier schließlich um Madonna, ein Geflecht aus Zuneigung, Mitleid, Opportunismus, kulturellem Diebstahl, Überlegenheitsgefühl etc. Erwidert wird diese Liebe trotzdem. Man muss schon in sehr hochwertige Schwulenclubs gehen, um nicht mitzuerleben, wie selbst ihre irgendwann unweigerlich fälligen ältesten Hits die Stimmung euphorisieren. Das Publikum bei ihren Konzerten gleicht dem bestangezogenen Segment einer Christopher-Street-Day-Parade; ein Pet-Shop-Boy-Konzert wirkt dagegen wie die Ostkurve im Wiener Hanappistadion.

  
Und als sie ihr Album „Confessions on a Dancefloor“ veröffentlichte, gab sie einen „Überraschungsgig“ im Roxy, einem der klassischsten, um nicht zu sagen schrecklichsten Schwulenclubs von New York. Die am Eingang wartenden Gäste wurden um ein Haar von einer abstürzenden Spiegelkugel verletzt, und als Madonna endlich auf der Bühne stand, war es, so der Musikproduzent Peter Rauhofer: „als sei eine Bombe explodiert“. Von der Bühne des Roxy rief sie: „My whole career started out with twelve inches. Some girls have all the luck.” Und erklärte: “Life started for me in a disco.”

Mit diesen Aphorismen ist ein Teil ihrer Faszination für uns Schwule geklärt. Sie kann Sprachtrainer für Oxford-Englisch anheuern und Fasanenjagd üben, am Ende bleibt sie doch eine relativ vulgäre Frau, der kein Schwanzlängenwitz zu abgedroschen ist. Ihre Biografen nennen das „street savvy“.

Wichtiger noch: Sowohl ihr Lebenslauf wie die Geschichte, die sie daraus gemacht hat, erzählen von einer Kämpferin, die ihre Identitätsfindung wie ihren Aufstieg im Nachtleben begonnen hat. Bevor Gayromeo und MySpace die Clubs als Selbst- und Partnerfindungsstätte ablösten, waren diese Katalysator, Beschleuniger und zuweilen Auslöser fürs Coming out und dienten danach als sexuelle Spielwiese. Die schwule Diskothek war für uns die Schule des Lebens, was Outfits, Schlagfertigkeit, Selbstbewusstsein betrifft. „Life started for me in a disco“ ist sofern ein Satz, den natürlich nicht alle Schwulen unterschreiben würden. Aber doch zumindest die, auf die es ankommt.

Natürlich fasziniert eine Frau mit so besinnungslosem Ehrgeiz uns Schwule. Sie provoziert und zwingt der Welt auch mit Hilfe ihres Körpers und ihrer Sexualität ihren Willen auf. Darum kann man sie nur beneiden. Madonnas Frühwerk war nicht explizit schwul, sondern nur hemmungsloser Pop. Trotzdem war vor allem ihr Erscheinungsbild so extrem, dass sie zwei Zielgruppen ansprach, deren Geschmäcker sich ohnehin oft überschneiden: kleine Mädchen und schwule Männer.

Die einen konnten ihren Stil, die abgeschnittenen Handschuhe, die Kruzifixe, die Bänder im Haar kopieren. Die anderen auch. Oder sich zumindest an Madonnas latenter, unterschätzter Komik erfreuen, von der bis heute nicht klar ist, wie viel davon freiwillig ist. Die Frau, die auf dem Cover des Albums „Like a Virgin“ den Betrachter anstarrt, ist die höhnische Parodie einer Jungfrau. Aber das hätte auch eine verkaufsfördernde Verwirrungsästhetik sein können, wie sie im Pop üblich ist.

Wenn es gilt, Madonnas Kraft als Identifikationsfigur für Homosexuelle zu bewerten, bewegt man sich fast zwangsläufig am Rande des Klischees. Dort also, wo sie sich selbst am liebsten aufhält, denn nur dort lassen sich 200 Millionen Platten verkaufen. Folgende Punkte sind bei dieser Analyse entscheidend: 

· Madonna und ihre Liebhaber
· Madonna und ihre Gender Politics
· Madonna und ihre Verschmelzung von Inszenierungen und Wirklichkeit
· Madonna und ihre Outfits 

Jean-Michel Basquiat, Sean Penn, Prince, Vanilla Ice, Dennis Rodman, Tony Ward, Warren Beatty, Carlos Leon, Guy Ritchie. Dies ist ein kleiner Ausschnitt aus der Liste der Männer, mit denen Madonna erklärtermaßen Sex hatte (natürlich ausgewählt nach Prominenz). Dazwischen, sehr oft auch daneben, gab es eine Reihe anderer Lebensabschnittsgefährten, ein widerlicher Begriff, gleichwohl in ihrem Fall zutreffend, weil diese Männer für Madonna Pausenfüller waren. Zu krass war die Kluft zwischen ihrem und deren Status, zu deutlich das Machtgefälle. Zum einen ist allein die bloße Anzahl ihrer sexuellen Abenteuer erfreulich, zum anderen aber ist unter ihren Männern vielleicht nur einer, mit dem ein durchschnittlich veranlagter Schwuler nicht gern einmal Sex hätte.

In der Wahl ihrer Liebhaber hat sich Madonna wie ein typischer Schwuler verhalten. Unter Inkaufnahme häufiger Partnerwechsel hat sie nach ihrem Traumprinzen geforscht und ist dabei doch jahrzehntelang immer den gleichen in ihrer Psyche eingebauten Fehlern erlegen. Sie wollte Männer beherrschen und war dann von deren Schwäche schnell gelangweilt. Geheiratet hat sie schließlich die beiden, die sich nicht unterwerfen ließen.

Madonna hat sich nie als besonders intellektuell oder belesen erwiesen, aber in einer Sache war sie stets spiegelklar. Sie kämpfte für jede Art von sexueller Selbstbestimmung und die komplette Gleichberechtigung der Frau. Der Vorwurf, sie habe dieses Image gepflegt, um ihren Umsatz zu stimulieren, greift nur bedingt. Zwar war ihr „Sex“-Buch ein Bestseller, das parallel erscheinende Album „Erotica“ jedoch für ihre Verhältnisse ein Flop.

Natürlich hätte sie „Vogue“, einen ihrer größten Hits, niemals ohne Hilfe des schwulen schwarzen Undergrounds in New York schreiben und vortanzen können. Und es mag schon sein, dass sie Willi Ninja die besten Tänzer ausgespannt und ihn nicht zum Weltstar gemacht hat. Aber Madonna hat nie verhehlt, dass sie eine Maschine ist, deren enorme Energie nur der Selbstanfeuerung dient. Wer einen Moment mitrasen darf, sollte den Fahrtwind genießen, aber stets damit rechnen, wieder selbst stramplen zu müssen.


Ihr schwuler Bruder Christopher durfte ein paar Häuser einrichten und bei der Girlie-Show Regie führen. Wie jeder andere Homosexuelle aber, der sie mit Bildern fütterte, blieb er in ihrem Windschatten. Madonna wollte mehr, als sich im stilistischen Fundus der schwulen Subkulturen zu bedienen. Im Zuge ihrer Selbstbefreiung machte sie sich zur Anwältin der Minderheiten.

Homosexuelle seien emotional beschädigt, erklärte sie, deswegen fühle sie zu ihnen eine innere Verbindung. Diesen Satz, vor allem den ersten Teil, hätte sie vielleicht besser einem Schwulen überlassen. Er illustriert die Härte von Madonnas Umarmung. Anderseits legt sie bis heute bei ihren Bühnenshows Wert darauf, ein ethnisch und sexuell diverses Ensemble zu casten: Schwarze, Weiße, Latinos, Asiaten, feminine und kerlige Typen. Das ist selbstverständlich der Benetton-Kitsch der 80er-Jahre, aber bisher ist auch kein überzeugenderes Weltbild produziert worden. 

Aber „Schein und Sein“ (was vermutlich die adäquate Übersetzung für den fünfterfolgreichsten Dokumentarfilm aller Zeiten gewesen wäre) ist bei Madonna, kurz gesagt: egal. Tatsächlich ist die Vermischung von beidem das durchgehende Stilprinzip, die Philosophie, die ihrer Karriere zugrunde liegt. Liebt sie Guy Ritchie oder die Vorstellung von sich selbst, als Angehörige der englischen Oberschicht, die zwischen Landpartien, Tontaubenschießen und Kabbalah-Kurs oszilliert? Dass sie ihre jeweiligen Wirklichkeiten mit der Verve einer Missionarin vertritt, macht sie zu einer brillianten Entertainerin. Mit ihrem hochemotional praktizierten Relativitismus ist Madonna uns Homosexuellen nah, weil wir natürlicherweise unsere eigene Wirklichkeit konstruieren müssen. Nur weil ein paar Ghettos nicht niedergebrannt werden, ist eine Minderheit noch nicht von dem Stigma des Andersseins befreit.

       
Oder der Gnade. Denn Madonna war auch immer die besten Verbündete, wenn es darum ging, Sexiness neu zu erkunden und die Grenzen des guten Geschmacks am eigenen Körper zu testen. Ihr Weg ist gepflastert mit modischen Heldentaten: der fleischfarbene Cone-Bra, den sie Jean-Paul Gaultier nie hätte verzeihen dürfen; das gelbe Kleid des damaligen Newcomers Olivier Theyskens, in dem sie aussah wie ihre eigene böse Schwiegermutter; das bourgeoise Prada-Kostüm in dem Video von „You’ll see“; das Brautkleid von Stella McCartney, das Taufkleid von Donatella Versace, die mit „mehndi“ tätowierten Hände, der Cowboylook von Dsquared, die überflüssige H&M-Kollektion, der rosa Spandex-Anzug für „Hung up“. 

Spätestens seit Schwule vor ein paar Jahren massenhaft David Beckhams Faux-Hawk trugen, wurde deutlich, dass von einer Geschmackselite nicht mehr die Rede sein kann. Heute will jeder aussehen wie ein frisch geduschter Fußballer. Ein fettfreier Bauchbereich zählt heute mehr als eine Kutte von Rick Owens. Deswegen ist Madonna, das unheilbare „Fashion Victim“, eigentlich fast zu eifrig, zumindest für diesen Teil ihrer Kernzielgruppe. Aber in dieser Direktheit lässt sich die Funktion von Idolen auch nicht beschreiben. Man muss sich nicht selbst als Domina, Geisha oder Postpunkerin verkleiden wollen, um eine Frau zu bewundern, die sich, quasi verstellend, dem Gelächter, der Bewunderung, dem Applaus aussetzt. Auch wir Schwulen bewundern diejenigen, die wir eigentlich nicht sein möchten. 


N
atürlich schmerzte es, Madonna mit einem Langeweiler und Pubgänger wie Guy Ritchie verheiratet zu sehen. Madonna Ciccone hat in ihren Ehejahren mit Guy der Welt gezeigt dass man jeden Traum verwirklichen darf. Und so unkonventionell zu sein, diesen auch wieder aufhören zu träumen, wenn es nicht mehr passt.

Sie hinterlässt für Schwule eine Botschaft, die nicht hoch genug einzuschätzen ist: Madonna ist die erste Diva ohne Tragik. Homosexuelle haben eine lange Tradition, unglückliche Frauen zu glorifizieren: Maria Callas, Marlene Dietrich, Judy Garland, Marilyn Monroe, Romy Schneider, Liz Taylor. Nicht etwa Frauenhass ist das Motiv für diese Bewunderung und diese Ahnung von Seelenverwandtschaft, sondern Selbsthass. Stigmatisierung, gefühlte oder empfundene, führt zur Identifikation mit Opferfrauen, die unter Selbstzweifel, Sucht, Grausamkeit der Männer zu leiden haben.

In ihrer Lebensführung, Rhetorik und Ikonografie war sie aber nie Opfer, sondern immer Täterin. Die Musik von Madonna muss auch ein Schwuler nicht mögen. Wenn er aber ihre Arbeit als Symbolfigur nicht schätzt, liebt er sich nicht selbst.

Dieser Text ist ein gekürzter Vorabdruck aus dem Buch „Madonna und wir. Bekenntnisse“, herausgegeben von Kerstin und Sandra Grether, das heute im Suhrkamp Verlag erscheint.


Madonna LIVE in Wien!
Sticky & Sweet Tour
23.09.2008 – 18:30 Uhr
auf der Donauinsel
 
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