Botox-Beautys und Cornetto-Kerls haben ausgedient. Nicht mehr Faltenfreiheit
führt in den Schauspiel-Olymp, sondern Persönlichkeit und Können. Kein Wunder,
dass aus Hollywood zunehmend dem Reiz der besten Jahre erliegt.
Nicole Kidman hat ein Problem. Nicht dass sie auf einmal
dick und hässlich geworden wäre, gar nicht – aber sie bekommt keine wichtigen
Rollen. Zumindest keine, die sie interessieren. Und keine, die interessante
Regisseure zu vergeben hätten. In „Nine“, der jetzt bei uns anläuft, spielt sie
gerade mal eine Muse. Einer der kolportierten Gründe für ihr Dasein in der
zweiten Reihe: zu wenig Mimik. Ihr Gesicht ist zu reglos, festgefroren in der
Eiseskälte von Botoxland, schön, aber starr. Schmerz und Freude, Wut und Glut
mögen zwar routiniert aus ihren Augen blitzen, aber in Zeiten, in denen Kino
wieder große Sehnsüchte stillen muss, in Wunderwelten entführt oder mit Fragen
von gestern, heute, morgen und übermorgen konfrontiert, ist das eindeutig zu
wenig.
Je älter Iris Berben (59) wird, desto
spannender fallen ihre Rollen aus. Die ewig Junge wird mit Auszeichnungen
überhäuft.
„Alt“ ist bloß ein Zustand. Das Gute daran: Es
hat wieder die Stunde für die großen Akteure geschlagen. Die über Persönlichkeit
und Können verfügen, ihre Arbeitszeit mit Überlegungen zu ihren Rollen
verbringen und nicht mit Outfitstudien für den Red Carpet. Man braucht nur die
letzten internationalen Filmerfolge zu beachten – schon hat man den Beleg
dafür: Christoph Waltz, seit mehr als 35 Jahren im Business tätig,
katapultierte sich mit seiner Darstellung als SS-Offizier Hans Landa in „Inglorious
Basterds“ an die Weltspitze. Seit dem Release vor einem Jahr gibt es fast
keinen Filmpreis, den der mittlerweile 53-Jährige nicht erhalten hätte: Immerhin
kassierte er 16 Auszeichnungen in nur 8 Monaten! Wirft man einen Blick auf die
weiteren Oscar-Anwärter für 2010, dann tauchen die Namen von Meryl Streep („Julie&Julia“),
flotte 61 Jahre jung oder Clint Eastwood („Invictus“) – er feiert im Mai seinen
80. Geburtstag – auf.
Mit 53 Jahren schaffte er den Sprung in
die Schauspiel-Elite Hollywoods: Christoph Waltz, erst mit dem Golden Globe,
dann mit dem SAG-Award ausgezeichnet.
Stets on top. Was sich in
Hollywood gerade zum Mega-Trend entwickelt, ist in Europa nicht ganz neue
Schule. Bei Publikumslieblingen wie Hannelore Elstner (67), Christiane Hörbiger
(71), Iris Berben (59) oder Friedrich von Thun (67) würde man nie auf die Idee
kommen, sie ins Ausgedinge zu schicken, nur weil sie gewisse Altersgrenzen
überschritten haben. Im Gegenteil: Die vier genannten gelten als
Top-Besetzungen, sobald es um den großen Menschzirkus mit all seinen Regungen
geht. Einen gewissen Sprachvorteil in Hollywood genießen natürlich die
britischen Stars. So erhielt die 64-Jährige Helen Mirren vor vier Jahren den
Oscar für ihre königliche Darstellung von „The Queen“. Derzeit ist sie in „Ein
russischer Sommer“ als Ehefrau von Leo Tolstoi zu sehen.
Die 64-Jährige Helen Mirren, hier mit
ihrem Oscar: stets bestens gebucht.
Kokett und selbstbewusst. Trotz ihres
ungebrochenen Erfolgs dies und jenseits des Atlantiks kokettiert sie mit dem
Älterwerden. „Als Schauspielerin in meinem Alter musst du froh sein, wenn du
überhaupt eine Rolle bekommst in einem Blockbuster.“ In Mirrens Heimat heißt so
ein Verhalten: Fishing for compliments. Christiane Hörbiger ist da schon
ehrlicher. Sie bekannte in einem Interview: „Je mehr ich auf meinen Sechziger
zuging, desto interessanter wurden die Rollen.“ Ähnlich könnte Hugh Laurie in
einigen Jahren seine Schauspiel-Vita beurteilen: Denn an sein Leben vor „Dr. House“
kann sich heute tatsächlich kaum einer mehr erinnern.
Hugh Laurie alias Dr. House: Den Durchbruch feierte der 50-Jährige ab dem
ersten, vernünftigen Grauhaarbefall.