Zeit im Film. Was Physiker mit Filmemachern gemein
haben – und Protonen mit dem Wunderland. Was ist Zeit? – Im Filmischen nicht
mehr als ein Parameter, den man getrost hinter sich lassen kann. Eine kurze
Geschichte der Zeit.
Im Gegensatz zu anderen physikalischen Größen schreitet die
Zeit in eine eindeutige, unumkehrbare Richtung, ist die Abfolge von Ereignissen.
Lässt man etwa Christopher Nolans famosen Spielfilm „Memento“ Revue passieren,
der in zwei Handlungssträngen eine chronologische und eine dem entgegengesetzt
verlaufende Abfolge vermischt, weiß man: Das Wunderwerk Film pfeift auf die
Zeit, scheißt auf die Relativitätstheorie, nach der die Zeit mit dem Raum eine
vierdimensionale Raumzeit bildet. „Zeit ist das, was man an der Uhr abliest“,
so Albert Einstein. Der Film löst das fixe Zeitgefüge gerne auf. Die
physikalischen Gesetze der Zeit gehen spätestens im Schnittraum flöten. Die
Dramaturgie hat den Vorteil, sich nicht um Echtheit kümmern zu müssen, sich
nicht durch Chronologie den Spaß verderben zu lassen, kann Fades auszublenden
und durch filmische „Quantensprünge“ – Schnitte und Montagen – Langeweile gar
nicht erst regieren lassen.
Von wegen „eindeutige, unumkehrbare Richtung“ – Christopher Nolan macht in „Memento“
mit der Zeit, was er will
Zeit, oh du dehnbare Masseinheit
Die Zeit im Film ist ganz anderes Untersuchungsmaterial, als
das, worüber sich die Menschheit spätestens seit Platon den Kopf zermartert:
Zelluloid ist ein Ort, an dem reale Zeit nicht existiert, an Ort, an dem sich
ganze Lebensgeschichten in zwei Stunden quetschen lassen, wo man sich „Zurück
in die Zukunft“ schießen lassen kann. Wonach etwa die Menschen die sich bei Dr.
Worseg(s Show auf ATV) unters Messer legen, streben, haben Figuren wie die
Simpsons oder Mickey Mäuse einfach im Blut: sie scheinen keinen Tag zu altern. Wenn
erst mal ein „reales“ Zeitgefüge aufkommt, macht das eine Besonderheit des
Projektes aus – siehe etwa die „Echtzeitserie“ „24“, bei der sich jede Staffel
in 24 Episoden aufteilt, von denen jede eine Stunde umfasst – und wirklich nur
diese eine Stunde zeigt.
Drehbuchautoren haben im Gegensatz zu Physikern den Vorteil,
dass sie, wenn sie es denn wollen, auf ein kafkaeskes Setting aufbauen können. Absurdes
als Gegebenes abtun können, sich der Erklärungsnot entziehen können. Das macht
auch den Zauber aus, oder? Nicht alles zu zerreden. David Lynch könnte ein
Liedchen davon singen. Die Pforte, die John Cusack und der restliche Cast in
das Bewusstsein eines Filmstars schleudert („Being John Malkovich“), wird
einfach als gegeben vorausgesetzt. Und David Rice, der Zeitreisende in „Jumper“,
entdeckt „zufällig“, dass er die Fähigkeit zur Teleportation besitzt. Ist nun
einfach so. Schön für ihn.
Zeit als Protagonist
Wie – und ob – J.J. Abrams dieser Tage mit offenen
Geheimnissen umgeht, fragt sich eine enorme Fangemeinde: Seit bereits sechs
Staffeln hält er sie und ihre Verschwörungstheorien auf Trab: Im März erschien
die fünfte Staffel von „Lost“ hierzulande auf DVD, die sechste – und letzte –
Staffel gab bis vor kurzem auf ABC treuen Sehern Hoffnung. Hoffnung auf so
manche Antwort. Was ist das Geheimnis der Insel, was ist los mit dem
Zeitkontinuum auf diesem merkwürdigen Flecken Welt. Im ausgedehnten Ensemble
finden sich zwar „Führungspersönlichkeiten“, der Protagonist, dem alles
unterworfen ist, ist jedoch: die Zeit. Und damit sind natürlich alle Mittel und
Wege offen.
Die Helden von „Lost“ sind mit einem zickigen Protagonisten
konfrontiert: Der Zeit
Dasselbe könnte man auch von einer Serie behaupten, die seit
1. März einen Programmplatz im ORF besetzt, der Sonntagabend wird um eine
Sciene Fiction-Serie bereichert: „FlashForward“ geht von einem mysteriösen
Blackout aller Menschen aus, im 137 Sekunden dauernden Zeitfenster erhält jeder
eine Vorschau auf das, was er ein halbes Jahr nach der kollektiven
Bewusstlosigkeit machen wird.
Was macht Joseph Fiennes als FBI-Mann in „FlashForward“ ein halbes Jahr nach
dem Blackout? Er ermittelt natürlich. Immer Sonntags auf ORF.
Ganz aus unserer Realitätsebene wird die weltbekannte Alice
durch ein Kaninchenloch geschossen. Der meisterhafte Geschichtenerzähler Tim
Burton schickt Alice zehn Jahre nach ihrem ersten Besuch, inzwischen 19-jährig,
erneut ins Wunderland und zu seinen grotesken Bewohnern.
Mit der „weltweit ersten Quantenteleportation“ machten die
Wiener Quantenphysiker Anton Zeilinger und sein Team allerorts von sich reden,
Photonen, die sich in einem Laborversuch auslöschten und im selben Moment wenige
Meter entfernt wieder auftauchen ließen. „So was wie beamen“, etwas
Selbstverständliches in der Science Fiction, das mit voluminöseren Körpern
nicht so klappen würde. Teilchen, die einfach so aus dem Nichts entstehen, sind
für Zeilinger Alltägliches. „Denn für mich steht zweifelsfrei fest, dass in der
Quantenwelt die Kausalität tatsächlich verschwindet.“ (Der Spiegel, 11/05). Die
Parallel- oder eigentlich Traumwelt – oder noch eigentlicher der Trip, in den
die weltbekannte Alice durch einen Kaninchenbau gerät, scheint da gar nicht
mehr so absurd. Die Uhren stehen still. Auch wenn das Kaninchen mit Taschenuhr,
dem Alice immer folgt, immer unter Zeitdruck steht…